Aktuelle Tendenzen im Dekorativen Licht


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Licht im Grenzgang:  Wie die „Design plus“-Gesellschaft die Gattungen sprengt

Sind wir heute eigentlich alle Designer? Wir leben in einer Zeit, in der das Bedürfnis nach Individualität und Persönlichkeit ausgeprägter ist denn je. Jeder bestimmt tagtäglich seine Identität in der Wahl seines Kleidungsstils, in der Gestaltung seines Lebensumfelds oder der eigenen Wohnung. Ob bewusst oder unbewusst stellen wir uns die Frage, was zu uns passt, worin wir uns wieder erkennen und welche Bezüge zwischen den Dingen für uns bestehen.

Dr. Michael Sturm, Messe FrankfurtDie Zeit des homogenen Einrichtungsstils ist lange vorbei. Wohnen ist heute eine Collage aus unterschiedlichen Stilen und Eigenheiten. Es gibt nicht mehr den einen Trend. Individualität und Stilmix sind angesagt. Der persönliche Stil des Einzelnen entwickelt sich aus einem dynamischen Geschmackszentrum, an das unterschiedlichste Einflüsse und Inspirationen andocken. So individuell unsere Bedürfnisse heute sind, so vielgestaltig sind auch die Lösungen der Designer. Wir leben in einer Art „Design plus“-Gesellschaft, die das Kombinieren und Verschränken der Disziplinen verlangt und dabei zugleich immer präzisere Vorstellungen vom Charakter der Objekte hat.

Das Angebot der kommenden Light+Building, Internationale Fachmesse für Architektur und Technik, vom 6. bis 11. April 2008 in Frankfurt am Main und das parallel stattfindende Trendforum mit visualisierten Wohnszenarien der Zukunft zeigen dem Fachhandel, Designern, Innenarchitekten und Architekten: Produkte werden immer individueller und überzeugen längst nicht mehr nur durch ihre reine Funktionalität. Sie werden mit emotionalen Bezügen, einer Symbolik und Zeichenhaftigkeit versehen, die uns zur Auseinandersetzung herausfordert.

Design bezieht seine Inspirationen aus einem Kontext, der sich zunehmend erweitert. Überdeutlich zeigt sich das derzeit in der Lichtgestaltung: Dekoratives Licht sucht nach neuen Strategien, Gestaltungsansätzen und ästhetischen Programmen, wodurch eine große Lösungsvielfalt entsteht. Für die derzeit erkennbaren Tendenzen stehen beispielhaft verschiedene Protagonisten.

Dass Design alles andere als objektiv ist, sondern Entwürfe dezidiert von persönlichen Erlebnissen und biographischen Momenten inspiriert sind, zeigen unter anderem die Leuchten von Patricia Urquiola oder Marcel Wanders. Ihre Objekte erklären sich aus Rückgriffen in die Designgeschichte, die gebrochen und anders weitergeführt werden, aus eigenen Erinnerungen und Referenzen, gepaart mit einem phantasievollen und höchst vitalen Schöpfungswillen. Dabei werden Disziplinen gesampelt und bekannte Typologien infrage gestellt. Wie auch den Lichtobjekten von Joris Laarmann oder Enrico Franzolini und Vicente Garcia Jimenez, ist den Pendelleuchten von Urquiola und Wanders eine Opulenz zu eigen, die einer Rückkehr des Kronleuchters in neuem Gewand nahe kommt.

Einen ganz anderen gestalterischen Weg geht der Altmeister des Lichts Ingo Maurer. In seinen LED-Objekten vereint er Design und Technologie auf eine einzigartige Weise und bringt dabei immer wieder verblüffende und poetische Effekte hervor. Seine Lichtobjekte erzählen Geschichten – voll Phantasie, immer überraschend und spannend. In seinen Arbeiten artikuliert sich eine starke Faszination an technischen Innovationen und ein Interesse, diese zu neuen ästhetischen und dekorativen Lösungen zu führen. Sein aktuelles Projekt, das LED-Wandpaneel, eine mit Leuchtdioden bestückte Tapete, erzeugt ein Wahrnehmungserlebnis, das außergewöhnlich und irritierend zugleich ist. Bislang verband man mit dekorativem Licht dreidimensionale Lichtobjekte, Ingo Maurer bricht mit diesem Prinzip und überführt es in die Zweidimensionalität. Das Licht wird Teil der Architektur, es wird selbst zur Wand. Licht ist nicht länger auf eine Quelle reduziert, von der aus der Raum beleuchtet wird, sondern die Architektur selbst wird zum Lichtspender. Was auf den ersten Blick wie eine Zurücknahme des Lichts aussehen mag, ist auf den zweiten Blick das genaue Gegenteil: Maurer überakzentuiert das Licht damit und lässt es dominant werden.

Zwischen dekorativem und technischem Licht unterscheiden zu können, wird immer schwieriger. Die stetigen Neuerungen auf beiden Seiten beeinflussen auch die Entwicklungen innerhalb der jeweiligen Gattungen maßgeblich. So gehen die seriellen Leuchten von Axel Meise von einem technischen Ansatz aus, entfernen sich aber davon, indem sie dekorative Intentionen verfolgen. Assoziierte man mit dekorativen Leuchten für den privaten Wohnbereich lange solitäre Objekte, schließen sie nun auch Systeme aus Lichtmodulen mit ein. Eine solche Ambivalenz zeigt sich auch in den Entwürfen von Yves Béhar für Herman Miller: Die LED-Büroleuchten durchbrechen die Grenzen des technischen Lichts und bekommen etwas enorm Dekoratives und äußerst Elegantes. Yves Béhar ist nur ein Beispiel dafür, wie technisch-funktionale Aufgaben mit überzeugender ästhetischer Kraft gelöst werden, so dass am Ende eine überraschend andere Anmutung zustande kommt, als man es gemeinhin von klassisch technischen Leuchten annehmen würde.

Während sich die Kunst offenbar bedenkenloser mit ihren Nachbardisziplinen mischt, wie es beispielsweise die Arbeiten von Olafur Eliasson zeigen, die sich über alle musealen Konventionen des Ausstellens, so über die Idee des abgegrenzten Kunstobjekts, hinweg setzen und neue Formen der Kunsterfahrung schaffen, beharrt das Design noch strikt auf einer Trennung – diese hebt sich aber offensichtlich immer stärker auf. Die Lichtobjekte eines Paul Cocksedge etwa zeigen höchst künstlerische Verfahren, die die Grundsätze des Lichts infrage stellen. Er experimentiert mit Gin Tonic und optischen Lichtfärbungen, mit Vasen, die zu leuchten beginnen, wenn man eine Blume hineinstellt, oder mit Neongas gefüllten Glasröhren, in die Strom geleitet wird und die aufgrund chemischer Vorgänge rot leuchten. Die Funktion des Leuchtens selbst tritt zugunsten einer poetischen Aussage in den Hintergrund und das Design öffnet sich dem Raum der Kunst. Diese Entwicklung sieht man ebenfalls im Projekt von Florian Ortkrass und Stuart Wood, die ihren sogenannten “Light Roller” über Oberflächen rollen, auf denen dieser ein fluoreszierendes Bild hinterlässt. Auch hier lässt sich die Lichtquelle zunächst ebenso wenig identifizieren wie bei Paul Cocksedge.

Betrachtet man die phänomenalen Inszenierungen des Lichtdesigners Mario Nanni, wird unser herkömmliches Verständnis von Licht ebenfalls infrage gestellt. Er gilt als die italienische Antwort auf Ingo Maurer und geht ebenso magisch und innovativ mit Licht um wie dieser. Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob es ihm mehr um eine Lobpreisung des Lichts oder um eine Würdigung des Schattens geht. Feststeht: Er spielt mit unserer Wahrnehmung und bezieht dabei den gesamten Raum ein. Profan gesagt beleuchtet Mario Nanni schlicht Architektur. Was er macht, geht aber weit darüber hinaus: Er verwendet Licht als Baumaterial, setzt es als Element der Architektur ein. Im Vordergrund steht somit nicht mehr das Objekt „Leuchte“, sondern das Produkt „Licht“ mit all seinen inszenatorischen Möglichkeiten und seiner ganzen poetischen Kraft.

Offenkundig lassen sich im Lichtdesign Entwicklungen in ganz verschiedene Richtungen feststellen, alle weit weg davon Trend zu sein, sondern vielmehr darauf abzielend, unseren persönlichen Vorlieben und individuellen Einrichtungsvorstellungen entgegen zu kommen. Sie führen uns unterschiedliche Formen des Umgangs mit Licht vor, entstehend aus ganz verschiedenen Intentionen, Ideen und Verfahren. Dekoratives Licht verlangt heute mehr denn je nach Deutung, weil es hinter dem äußeren Schein tief greifende Aussagen über die Haltung, Herkunft und das Wertesystem des Designs bereithält.

Während wir gerade lernen, dass die herkömmlichen Kategorien und Zuordnungen immer fraglicher werden, wartet mit OLED (Organic Light Emitting Diode) schon die nächste Lichtrevolution auf uns, die eine vollkommen neue Generation von Lampen und Lichtobjekten verspricht. Welche erhellenden Antworten diese Entwicklung für das Design der Zukunft bereithält, bleibt abzuwarten.

[Pressetext: Light&Building Dr. Michael Sturm]

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